Chicas Kolumne – Wie alles begann

Chica Rüdin - Hund zieht ein

Es begab sich zu einer Zeit, als das Ruhrgebiet noch unter grauer Asche lag, die Menschen Schulterpolster trugen und das Telefon sich mit seiner Sieben-Meter-Schnur im Bett versteckte, da wünschte sich ein junges, alleinstehendes Mädchen sehnlichst einen Hund. Leider hatte es keine Zeit für einen Hund, weil es zu viel studieren, jobben, shoppen und feiern musste, sodass ihm dieser Herzenswunsch verwehrt blieb.

Jahre später fand dieses Mädchen – mittlerweile zur Frau gereift – tatsächlich einen Mann, der es liebte und sogar bereit war, es zu heiraten. Nun ahnt ihr sicher schon, wer diese beiden sind: Herrchen und Frauchen.

Frauchen* wollte dringender denn je einen Hund, aber Herrchen* sträubte sich. Er konnte sich nicht vorstellen, seine Unabhängigkeit aufzugeben und dauernd spazieren zu gehen. Ihm* war wichtiger, zu reisen, auszuschlafen und viel zu arbeiten. (Die Menschen nennen das übrigens „Freiheit genießen“.) Ihr müsst wissen, dass Frauchen damals noch eine recht verklärte Vorstellung vom Leben mit Hund hatte. Sie* hatte eine Art Paralleluniversum vor Augen, in dem sich der Hund auf der einen, der Mensch auf der anderen Seite befand. In ihrer Vorstellung stolzierte sie mit Fellstiefelchen und tüchleinverziertem, angeleintem Hund dreimal täglich zur nächsten Miniwiese.

Frauchen ist bekannt für ihre Beharrlichkeit bei Dingen, die sie wirklich will. (Das Rauchen aufzugeben gehört offenbar nicht dazu.) Und beim Thema Hund war sie überaus beharrlich. Für alles hatte sie eine Lösung. „Schatz, du musst niemals morgens Gassi gehn … Wenn wir in Urlaub fliegen wollen, geht der Hund in eine Box, zu Nachbarn, ins Heim … Und wenn wir arbeiten müssen, findet sich eine Nanny … Bitte, bitte, bittööööö …“ Alle Bettelei nutzte nichts. Herrchen blieb hart. Bis er eines Tages Post von Frauchen bekam …

Chica Rüdin - Hund zieht ein

Aus irgendeinem Grund schaffte es dieses kleine Stück Papier, sein Herz zu erweichen, und der Entschluss stand fest: Es wird eine Rüdin.

Sie begannen, mich zu suchen. Im Tierheim, im Internet, in Zeitungen und Kleinanzeigen … Bis nach Mallorca flogen sie, nur um mich zu finden. (Was sie damals natürlich nicht wissen konnten: Ich war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geboren.)

Ein Jahr später bekamen Herrchen und Frauchen einen Tipp von einem Kollegen. Keine zehn Kilometer von ihnen entfernt befand sich ein Tierschutzverein, der regelmäßig Hunde in Spanien rettete, um sie in Deutschland zu vermitteln. Der Rest ist Geschichte: Ich kam, sah (bezaubernd aus) und siegte.

sprechblumen

Sieben Jahre später …

Frauchen shoppt getrocknete Hühnerfüße und lebt in matschigen Gummistiefeln. Gespräche über Euter und Blättermagen entlocken ihr kaum noch eine Ekelträne. Schräg gegenüber meines Prinzessinnensessels steht ihr Schreibtisch bei uns zu Hause. Wir kennen in unserer Heimat jeden Wald, jeden Park und jede Wiese … Selbstverständlich reden wir alle Hunde mit Namen an und sogar manche Blume wird im Frühling persönlich begrüßt. Unseren Urlaub verbringen wir ausschließlich an der Nordsee. Und wenn ich krank bin, ist Frauchen mit mir krank.

Die Stadt Essen darf sich 2017: „Grüne Hauptstadt Europas“ nennen. Mit dem Telefon kann man immer noch telefonieren und die Schulterpolster befinden sich auf direktem Weg zurück zu uns …

* Anmerkung für die Freunde der Grammatik

Ich weiß, dass DAS Frauchen wie auch DAS Herrchen sächlich sind und heißen müssten: ES, das Frauchen und ES, das Herrchen. Um beiden einen Rest Würde zu bewahren, heißen sie im Nachfolgenden: SIE, das Frauchen und ER, das Herrchen. Das ist zwar grammatisch falsch, aber nett. Danke für euer Verständnis.
Wer alle Geschichten von Chica lesen will, kann sich auch einfach mit Literatur eindecken
Aus dem Leben einer Rüdin
Preis: nicht verfügbar
Zuletzt aktualisiert am 14.12.2017

Über Daniel 284 Artikel
Bis auf wenige Jahre während meiner Ausbildung habe ich immer mit Hunden zusammen gelebt. Und ohne kann ich mir das Leben auch kaum vorstellen. Geht bestimmt, aber macht das Sinn?

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